Ruppiner Anzeiger 29.6.2005
"Auf den Horizont gucken"
Segelflieger Dieter Wittke aus Berlin präsentiert in 1200 Metern Höhe sein atemberaubendes Hobby
Neuruppin Ich klebe förmlich an Dieter Wittkes Lippen, als er die Bedienung des Fallschirms erklärt. Ein wenig mulmig ist mir kurz vor dem Segelflug am Sonnabend in Neuruppin schon. Doch der Pilot weiß die Angst zu vertreiben, scherzt und lässt keine weiteren Gedanken an einen möglichen Absturz zu. In einer Janus, laut Dieter Wittke "dem Besten, was der AKA-Luft zu bieten hat", nehme ich hinter ihm Platz.
Der Doppelsitzer kann von beiden Passagieren gesteuert werden. Die Instrumente gleichen sich. Ein Barometer, Höhen- und Geschwindigkeitsmesser und viele weitere Armaturen, die für die Navigation des Fliegers in Kunststoffbauweise nötig sind, können während des Flugs immer wieder überprüft werden. Mit den Füßen schlüpfe ich in große Pedalen. Während der Steuerknüppel zwischen den Beinen die Nase des Fliegers nach oben oder unten manövriert, gibt man dem Segelflieger mit den Fußpedalen die seitlichen Richtungen vor.
Bevor es aber so weit ist, wird die Plexiglasscheibe über uns geschlossen. Durch ein kleines Schiebefenster weht ein leichtes Lüftchen, das später angenehme Abkühlung von der brütenden Hitze bringt. Dieter Wittke hat mir einen Schlapphut geborgt. "Sonst hältst du es wegen der Sonne nicht aus", kommentiert er. Sein gehobener Daumen zeigt dem Signalgeber unsere Bereitschaft zum Start an.
Mit einem Ruck setzt sich die Janus in Bewegung. Von einer Winde am Seil geschleppt, heben wir ab. Das sofort einsetzende Kribbeln im Bauch ist nicht unangenehm. Voller Vorfreude auf die Aussicht beobachte ich die Instrumente. Der Höhenmesser überschlägt sich fast. Bei 350 Metern gibt es ein lautes Klacken. "Jetzt fliegen wir allein", erklärt Wittke. Das ausgeklinkte Seil fällt mit einem Fallschirm wieder zurück auf die Startbahn. Nun heißt es, einen guten Aufwind zu finden, denn sonst wäre der Flug schon nach fünf Minuten wieder vorbei. Wir haben Glück, sind direkt aus der Winde "in einen Zwei-Meter-Bart" hinein geraten. Segelflieger bezeichnen die Ströme, in denen die warme Luft nach oben steigt, als Bart. Zwei Meter sind nicht groß, wenn man bedenkt, dass die Janus eine Spannweite von 18,2 Metern hat.
Gerade erst schien meine Magensäure wieder da, wo sie hingehört, da bringen die kreisenden Bewegungen beim Aufsteigen wieder alles durcheinander. "Immer auf den Horizont gucken", versucht Wittke das flaue Befinden zu lindern. Für diese Aussicht hat sich die Überwindung gelohnt. Erst in 1200 Metern ist Schluss mit dem Aufwind. Wir schweben über den Dächern Neuruppins, Alt Ruppins und dem Ruppiner See. Der schlängelt sich wie ein breiter Fluss durch die Landschaft. Ich hatte ihn mir viel kleiner vorgestellt. Die rote Tartanbahn des Volkspark-Stadions schimmert zwischen den Bäumen hervor. "Heute Morgen haben wir sogar die Triathleten im See schwimmen sehen", berichtet der Pilot.
"Fotografierst du noch oder hast du deine Hände am Steuerknüppel?", fragt Wittke auffordernd. Nun bin ich an der Reihe, kann in 1200 Metern Höhe das Kommando übernehmen. "Sachte, sachte", hallt es von vorn, als sich die Nase des Fliegers nach unten schiebt und wir schneller werden. 20 Minuten schwebt der Flieger mit uns ohne störende Nebengeräusche durch die Lüfte. Es herrscht Ruhe, absolute Ruhe. Die Dörfer im Neuruppiner Umland scheinen nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Bis auf 400 Meter sind wir in dieser Zeit gesunken und setzen zum Landeanflug an. Die Flugzeuge auf der Startbahn werden wieder größer, die bunten Punkte zu Menschen. Sanft landet der Flieger, saust noch einige hundert Meter über das Gras, bevor er zum Stehen kommt. Zurück auf dem Boden herrscht auch in der Bauchgegend wieder Ordnung. Dieter Wittke hat sein Hobby als einmaliges Erlebnis präsentiert.
